IBB Dortmund
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Die Geschichtswerkstatt Tschernobyl in Charkiw

Im Frühjahr 2012 gründete das Internationale Bildungsund Begegnungswerk Dortmund (IBB) zusammen mit dem städtischen Liquidatoren-Verband „Sojus Tschernobyl“ und dem Deutsch-Ukrainischen Netzwerk (DUN) die Geschichtswerkstatt Tschernobyl im ostukrainischen Charkiw. Die Geschichtswerkstatt widmet sich verschiedenen Aufgaben:
– Als Beratungs- und Begegnungszentrum unterstützt und berät sie Tschernobyl-Betroffene bei der Lösung ihrer sozialen und juristischen Probleme.
– Als Lern- und Erinnerungsort zur Tschernobyl-Katastrophe bewahrt sie die Lebenserinnerungen der Liquidatoren für die ukrainische und europäische Öffentlichkeit.
– Als Begegnungsstätte organisiert sie den Austausch überlebender Tschernobyl-Betroffener und junger Menschen.

Das Beratungsangebot der Geschichtswerkstatt

Die Geschichtswerkstatt Tschernobyl will die Lebenssituation der Betroffenen in der Region Charkiw unmittelbar verbessern. In täglichen Sprechstunden und weiterführenden Trainings sollen insbesondere die Möglichkeiten zur Selbsthilfe gefördert werden. Das Angebot umfasst hierbei folgende Schwerpunkte:
– Die juristische Beratung unterstützt die Liquidatoren im Umgang mit den Behörden. Viele Betroffene erhalten noch immer nicht die ihnen rechtlich zustehenden sozialen und medizinischen Hilfeleistungen, weshalb ihnen studentische Freiwillige und erfahrene Liquidatoren bei der Formulierung der entsprechenden Anträge helfen. In einigen Fällen können die Ansprüche nur über den Gerichtsweg
durchgesetzt werden, der bisweilen an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte führt. Begleitet werden die Liquidatoren auf diesem Weg von erfahrenen Juristen der ehrenamtlich arbeitenden Lugansker Menschenrechtsgruppen.
– Die praktische Alltagshilfe gilt insbesondere den Familien verstorbener oder schwer erkrankter Liquidatoren. Zu den Angeboten gehören Seminare zur häuslichen Pflege sowie psychologische Schulungen, die in Kooperation mit dem Arbeiter-Samariterbund Charkiw u.a. durchgeführt
werden.

Der Freiwill igendienst

Ohne das Engagement von Freiwilligen wäre die vielfältige Arbeit der Geschichtswerkstatt nicht durchführbar. So helfen Jura-Studenten den Liquidatoren beim Ausfüllen von Dokumenten
und begleiten sie zu Behörden und Gerichten. Andere Freiwillige sind beim Aufbau eines digitalen Archivs tätig und führen umfangreiche Interviews mit den Liquidatoren. Eine weitere Gruppe besucht erkrankte Liquidatoren zu Hause, hilft beim Einkauf oder begleitet die Betroffenen beim Arztbesuch. Viele Freiwillige sind selbst ehemalige Liquidatoren, deren Gesundheitszustand noch stabil ist und die den Wunsch haben, Menschen mit einem ähnlichen Schicksal zu helfen.

Europäischer Lern- und Erinnerungsort

In der Geschichtswerkstatt entsteht schrittweise ein Lern- und Erinnerungsort zur Tschernobyl-Katastrophe. Interessierte Bürger, Initiativen sowie Bildungs- und Forschungseinrichtungen
aus Charkiw, der Ukraine und anderen europäischen Ländern können sich hier umfangreich
informieren.
– Die Geschichtswerkstatt veranstaltet regelmäßige Zeitzeugengespräche für Schulkinder, Jugendliche
und Studierende. Die Liquidatoren übernehmen als Zeitzeugen eine zentrale Rolle, indem sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit jungen Menschen teilen und ihnen so die Risiken der Atomenergienutzung vermitteln.
– In einem digitalen Archiv werden die Erinnerungsprotokolle der Liquidatoren der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
– Eine multimediale Dauerausstellung informiert zu den Hintergründen und Folgen der Tschernobyl-Katastrophe. Zudem beherbergt die Geschichtswerkstatt wechselnde künstlerische und thematische Ausstellungen.

Aktive nationale und internationale Vernetzungsarbeit

Um der gesellschaftliche Isolation vieler Liquidatoren entgegenzuwirken, entwickelt die Geschichtswerkstatt Kooperationen auf mehreren Ebenen. In Charkiw besteht ein reger Austausch mit anderen NROs und insbesondere mit Verbänden anderer sozial benachteiligter Gruppen. Da viele
Liquidatoren durch Behinderungen eingeschränkt sind, versucht die Geschichtswerkstatt in Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden die Beschäftigungsmöglichkeiten der Betroffenen zu verbessern. Auf nationaler Ebene organisiert die Geschichtswerkstatt gemeinsam mit zahlreichen
Liquidatoren-Verbänden Kampagnen für die Rechte von Tschernobyl-Betroffenen. So übergaben die Verbände 2013 dem ukrainischen Parlament mehrere Gesetzesänderungsvorschläge,
um die soziale Absicherung der Witwen verstorbener Liquidatoren zu verbessern.

Kompetenzzentrum der Europäischen Aktionswochen

Die Europäischen Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ werden seit 2012 jährlich vom IBB Dortmund in Kooperation mit Partnern aus dem Europäischen Tschernobyl-Netzwerk (ECN) durchgeführt. Kernelement der Aktionswochen sind Gespräche zwischen Jugendlichen und Zeitzeugen aus Belarus, der Ukraine und Japan. Junge Menschen entwickeln in diesen Gesprächen ein Bewusstsein für die Gefahren der Atomenergie und werden ermutigt, sich für eine nachhaltige Energiepolitik zu engagieren.

Die Geschichtswerkstatt koordiniert bei den Aktionswochen die Aktivitäten der ukrainischen Organisationen und wählt die ukrainischen Zeitzeugen aus, die zu den internationalen
Partnern reisen. In Workshops werden die Teilnehmer zudem auf die Gespräche mit jungen Menschen
vorbereitet.

Die Liquidatoren von Tschernobyl

Der Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl war 1986 für die Menschen in ganz Europa ein Schock. Weniger bekannt als die Bilder vom zerstörten Reaktor ist jedoch das Schicksal der Menschen, die bis heute an den Folgen der Katastrophe leiden. Etwa 800.000 Menschen wurden als „Liquidatoren“ in die Tschernobyl-Sperrzone geschickt, um mit vollkommen unzulänglichen Mitteln die radioaktive
Strahlung zu bekämpfen. Die meisten Liquidatoren waren junge Soldaten, die aus der Reserve eingezogen wurden. Doch auch Bauarbeiter, Ingenieure, Ärzte, Köche u.a. waren in der Sperrzone tätig.

Heute leben in der Ukraine noch etwa 250.000 Liquidatoren, davon knapp 15.000 in Charkiw. Die meisten von ihnen sind nach ihrem Einsatz in Tschernobyl schwer erkrankt und haben ihren eigentlichen Beruf aufgeben müssen. Viele Liquidatoren leben heute am Existenzminimum und gesellschaftlich isoliert. Umso wichtiger ist es für sie, ihre Botschaft an junge Menschen weiterzugeben.

Unterstützen Sie die Liquidatoren von Tschernobyl und werden Sie...

– Kooperationspartner der Geschichtswerkstatt Tschernobyl
– Kooperationspartner bei den Europäischen Aktionswochen
– Spender

Für einzelne Maßnahmen und Anschaffungen ist die Geschichtswerkstatt auf Ihre Spenden angewiesen. Es besteht die Möglichkeit, einen der folgenden Arbeitsbereiche mit einer Spende zu unterstützen: Betreuung erkrankter Liquidatoren durch Freiwillige, Aufbau des digitalen Archivs, juristische Beratungsarbeit und Seminare zu juristischen Themen.


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